Dienstag, 27. Januar 2015
Schwachstellen
Wie bereits geschrieben bereitet mir die Chemo bislang wenig Probleme und hält sich mit Nebenwirkungen extrem zurück. Heute bekomme ich die letzte Gabe dieser Art und dann darf man mit Spannung erwarten wie ich die nächste Sorte vertrage. Toi, toi, toi!
Natürlich merkt der Körper schon, dass da gerade etwas mit ihm gemacht wird. Ich weiß nicht, ob die rote Farbe des Medikamentes das gerade in mich hinein läuft aufgrund der chemischen Zusammensetzung entsteht oder absichtlich gewählt ist. Ganz zu Beginn sagte mir die Schwester "Stellen Sie sich was schönes vor. Aperol Spritz zum Beispiel."
Antwort: "Davon wird mir immer schlecht."
Ich hab mich dann für Campari entschieden, obwohl der bei mir auch Kopfschmerzen verursachen kann.
Wie auch immer, bislang läuft nicht nur die Infusion super, sondern die ganze Therapie und ich bin dafür echt dankbar.
Am Samstag hatte ich einen minimalen Einblick darin, wie es sonst so sein könnte. Ok, ungefähr so als würde jemand von seinem appen Bein erzählen und ein anderer sagt "Ja, ich hab mir auch mal den Zeh verstaucht."
Ich hatte einen Pickel am Rand meiner Zunge. Er kam allein, er blieb allein und er ging auch wieder allein, aber er war schmerzhaft und hat mir das Essen verleidet. Das ist schwer verzeihlich. Er war weiß und leicht zu sehen und aktivierte natürlich erstmal den Krebs-Alarm ( "Oh mein Gott, ich habe Zungenkrebs" ) bis zur Aktivierung des Verstandes ( "Klar, wenn`s so einfach wäre könnten Krebserkrankungen früher entdeckt werden" ). Trotzdem drückte das Pickelchen trotz seiner geringen Größe und Bedrohlichkeit auf die Stimmung und brachte mich zu folgender Erkenntnis: ich bin ein Weichei.
Ich hasse Schmerzen und kann sie nicht gut verbergen. Selbst wenn ich nicht herum jammere merkt meine Umgebung an meiner schlechten Laune, dass ich welche habe. Und mir fehlt die Weitsicht, um daran zu denken, dass sie auch wieder vorübergehen. Sie sind dann da und ich weiß gar nicht mehr, wie es ohne sie war und dass sie ja auch wieder weggehen.
Tatsächlich kam der Weichei-Entlarver freitags, bleib über Nacht und begleitete mich dann noch bis Samstagabend. Das war`s. Am Sonntag war er dank einer super homöopathischen Mundspülung wieder weg. Ich gebe mich hier der absoluten Lächerlichkeit preis. Ich habe sonst NICHTS! Der Rest meiner Mundschleimhaut hat bisher wacker durchgehalten, die Verstopfung ist unangenehm, hält sich aber in Grenzen, die Übelkeit ist gut mit Tabletten in Schach zu halten und die Müdigkeit tritt nur temporär auf.

Was mache ich denn erst, wenn`s richtig zur Sache geht? Ich muss unbedingt an meiner Schmerztoleranz arbeiten. Vielleicht bitte ich jemanden mir einmal täglich auf den Kopf zu hauen. Da wird sich bestimmt jemand finden, dem man damit sogar noch eine Freude machen könnte.

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Sonntag, 25. Januar 2015
Die Macht der Bücher
Wieder bin ich der Versuchung erlegen, im Internet zum Thema Krebs nach Informationen zu suchen. Ich habe nach Büchern recherchiert und bin dabei auf Exemplare gestoßen, die das Potential haben das Leben eines Menschen entweder von Grund auf zu ändern oder es komplett zu zerstören, weil man sowieso vom Krebs aufgefressen wird wenn man sein Leben nicht ändert. Man kann zum Beispiel erfahren, dass die Krebstherapien der Schulmedizin nur bei 7 % der Patienten zu einer Heilung führen, und das meist auch nur für fünf Jahre. Krebs ist nämlich keine Krankheit, sondern der Versuch des Körpers, sich gegen zerstörende Umwelteinflüsse zu wehren. Derselbe Autor hat übrigens auch das Werk "Chemo heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe" verfasst. Ich neige normalerweise nicht dazu mir eine Meinung von Dingen zu bilden, die ich nicht selbst ausprobiert bzw. gelesen habe. In diesem Fall fehlt mir leider die Zeit, diese hochwissenschaftlichen Sachbücher zu studieren, weil die Chemo ja bereits dabei ist meinen Körper zu zerstören und ich deshalb ganz schnell alternative Heilungsmethoden finden muss. Ein guter Ansatz ist zum Beispiel die Recherche nach Kirmesstandorten, um dort nach Angeboten des Heilens durch Handauflegen zu suchen. Oder ich suche mir einen richtig guten Psychoanalytiker, der mit mir in die tiefsten Tiefen meiner Psyche abtaucht. Dies müsste freilich ein sehr mutiger Geselle sein, denn schließlich lauern dort unten all die dämonischen Traumata und unterdrückten Gefühle, die Krebs verursachen können.

Ein weiterer Meilenstein der Literatur rät dazu seine Ernährung komplett umzustellen. Null Kohlehydrate, null Fleisch, null Zucker, kein Obst. Nur rohes Gemüse mit Öl.
Der Einfluss von Zucker auf die Entstehung von Krebszellen ist wissenschafltich erwiesen (es gibt auch Bücher von der Verbraucherzentrale, die tatsächlich seriös sind). Deshalb versuche ich meinen Zuckerkonsum einzuschränken. Würde ich mich aber an die in dem im Internet gefundenen Ratgeber empfohlene Diät halten, würde ich vermutlich mit einem Paprikastreifen im Mund verhungern.
Der Ehefrau des Mannes, der eine Rezension dazu verfasst hat, soll die Methode sehr geholfen haben. Sie soll Metastasen in beiden Brüsten, in den Achselhöhlen und "sonst wo" gehabt haben. Die Ärzte rieten ihr doch tatsächlich zur Entfernung mindestens einer Brust und zur Chemo- und Strahlentherapie. Das lehnte sie ab, kaufte sich ein Buch und hielt sich strikt an dessen Tips. Und siehe da- Wochen später waren die Knoten in der Achselhöhle kaum noch spürbar und in der Brust (spürbar) auch zurück gegangen. Da sie nebenbei noch an Übergewicht litt half ihr das Buch auch beim Abnehmen.
Wow! Hätte ich mir doch nur mehr Zeit gelassen bei der Wahl meiner Therapie. Jetzt stehe ich kurz vor der letzten Chemogabe des ersten Zyklus und habe soviel Energie damit verschwendet. Wieviel Geld hätte ich meiner Krankenkasse einsparen können, wenn ich stattdessen rohes Gemüse gegessen hätte. Und wieviel Gewicht hätte ich verlieren können! Soviel, dass man mir seitens der Schulmedizin nur noch mit Astronautenkost hätte helfen können. Aber die hätte ich ja abgelehnt, weil ich bestimmt ein Buch darüber gefunden hätte, dass sie noch mehr Krebs verursachen kann.

Ich werde meine Suche nach Literatur zu diesem Thema nun einstellen, die Broschüren der Deutschen Krebshilfe lesen und mir im Internet ein anderes Buch bestellen. Vielleicht Grimm`s Märchen. Oder ich verfasse selbst ein Stück hilfreiche Literatur mit dem Titel "Wie verbreite ich Angst und Schrecken unter Krebspatienten und bringe sie dazu an der Schulmedizin zu zweifeln".

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Freitag, 16. Januar 2015
Sanitäre Einsichten
Ich hab soeben die Reinigung unseres Badezimmers beendet und muss tatsächlich sagen, dass mir diese Tätigkeit heute große Freude bereitet hat. Vielerorts herrscht wohl die Meinung vor, dass es kaum eine stumpfsinnigere und lästigere Arbeit als die des eigenen Hausputzes gebe. Nun, ich stimme dem eingeschränkt zu. Vermutlich wäre es weniger sumpfsinnig wenn man regelmäßig die Häuser anderer Leute putzen würde. Allerdings birgt natürlich die Unterschiedlichkeit der Putzstile und -ideale zu großes Streitpotential, um einen nachbarschaftlichen Putz-Ring-Tausch anzustreben.
Unser Badezimmer putze ich nun schon seit vier Jahren in regelmäßigen Abständen. Es gab dieses Bad auch davor schon, doch da gehörte es noch jemand anderem, der es deshalb auch selbst geputzt hat.
Nun zu den Gründen meiner Freude über diese einfache, ehrliche Beschäftigung:

1. Ich kann es

Gestern Abend entsprach mein Körpergefühl noch dem einer Achtzigjährigen, die darüber nachdenkt ins Pflegeheim zu ziehen. Vergleichbar mit dem verbreiteten "Ich-hab-da-was-in-den-Knochen"-Gefühl vor und während einer Grippe oder starken Erkältung. Da dieses Empfinden eine Nebenwirkung des Medikaments ist, das vorgestern erhalte habe, war es gut auzuhalten. Das Medikament ist nämlich der Personal Trainer meines Knochenmarks und regt es dazu an noch mehr neue Blutteilchen zu bilden, als es das eh schon tun würde. Mit diesem Wissen ließ es sich dann ganz gut abwarten, bis es einfach wieder von selbst vorbei geht. Allerdings schritt der gefühlte Alterungsprozess meines Körpers im Verlaufe des gestrigen Tages so weit voran, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht mal hätte vorstellen können mit Elan eine Klobürste zu benutzen, geschweige denn ein ganzes Badezimmer zu putzen.

2. Ich kann es

Vor ein paar Wochen noch schlich eine meiner größten Ängste um mich herum und ließ mir keine Ruhe: die Chemo-Angst, die mir Bilder von mir selbst in hilflosen Posen im Bett oder auf dem Sofa liegend vorgaukelte. Die Sorge, sich um nichts mehr kümmern zu können als um das eigene Unwohlsein hat mich lange eingeschüchtert. Um so größer ist meine Erleichterung darüber, dass die letzten Wochen zwar anstrengend waren, ich aber immer noch ein selbstbestimmter und handelnder Mensch bin
( ok, manchmal handle ich ein bisschen langsamer als andere Menschen ). Ob das so bleibt, bleibt abzuwarten. Ein Schritt nach dem anderen.

3. Der meditative Effekt

Selten habe ich mich so auf eine Sache konzentriert und konnte dabei gleichzeitig meinen Gedanken freien Lauf lassen. Um gegen den Stumpfsinn anzukämpfen, habe ich mir eigentlich angewöhnt mich mit Hörbüchern abzulenken. Das habe ich heute aus technischen Gründen gelasssen. Und siehe da - sie kamen wie von selbst, all die tiefen Einsichten und erleuchteten Gedanken. Jetzt sind sie zwar alle wieder weg, aber egal, sie waren schließlich einen Moment lang da. Es waren so Gedanken wie "Warum suchen wir immer nach den großen Dingen, die uns ruhiger oder ausgeglichener machen könnten, wo es doch oft auch schon die Kleinigkeiten sind, die uns erfüllen?" oder "Warum wissen wir immer erst um die Kostbarkeit der Dinge, wenn sie durch etwas bedroht werden?". Ich war gleichzeitig Karate Kid und Mister Miyagi! Wow! Vielleicht sollte ich Badezimmer-Meditationen anbieten.

Oder doch nochmal die Auflistung der Nebenwirkungen meiner Medikamente durchlesen.

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