Donnerstag, 15. Januar 2015
Die guten Wünsche
"Hi, ich hab dich erst gar nicht erkannt. Du siehst so anders aus, wenn alle Haare unter der Mütze versteckt sind."
Darauf mein Sohn: "Da sind gar keine Haare mehr drunter!"
Die Tochter tönt hinterher: "Wegen der Medizin."
Irritierter Gesichtsausdruck.
Ich: "Ja, das stimmt, im Moment habe ich keine Haare."
Völlig verstörter Gesichtsausdruck.
Keine Zeit für weitere Erklärungen, Tschüss und weiter und das schlechte Gefühl, jemanden einfach doof stehen gelassen zu haben.
Heute kam Gott sei Dank die Gelegenheit zur Erklärung, die leider auch immer mit der Gewissheit einhergeht, dass man jemandem gerade ein ziemlich gruseliges Gefühl bereitet. Man selbst konnte sich bereits seit Wochen mit dem Thema gedanklich auseinandersetzen und hin und wieder knallt man es dann einfach jemandem vor den Latz. Kaum einer weiß in dem Moment was er dazu sagen soll. Was soll man dazu auch sagen? "Ach Mensch, das ist jetzt aber mal echt blöd. Gute Besserung."?

Ihr lieben Gesunden, macht euch keinen Kopf, ihr müsst euch nicht das Hirn verrenken nach einer passenden Bemerkung. Wünscht mir Kraft und Mut und erzählt mir die Geschichten von den Frauen, die ihr kennt, die den fiesen Fremdkörper besiegt haben und danach nach 90 Jahre alt geworden sind. Erzählt mir von den Leuten, die ihr kennt, die ihre Chemo super weggesteckt haben und jetzt wieder gesund sind.
Behaltet alle Horrorgeschichten, die in eurem Kopf zu dem Thema herumgeistern, für euch und erzählt mir nicht wie schrecklich das alles ist und dass ihr da jemanden kennt, also bei dem war das ja ganz furchtbar und dann am Ende...Ich bin ungefähr im Bilde darüber, was mir noch blühen kann. Aber ich werde es durchleben müssen, um weiter leben zu können. Und das fühlt sich für jeden anders an und ist für jeden so individuell wie eine Schwangerschaft und eine Geburt.

Bisher haben alle sehr nett reagiert und ihre Unterstützung angeboten, falls es mal schwierig wird. Danke schön!

Das Dankeschön, das meine Familie verdient, hat hier nicht genügend Platz.

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Mittwoch, 14. Januar 2015
Der Tag danach
Tag eins nach der Chemo. Ich fühle mich erstaunlich gut, bis auf das bisschen Müdigkeit. Gestern habe ich erst gegen Abend eine Bei-Bedarf-Übelkeitstablette genommen und später dann die, die ich sowieso die ersten drei Tage nach der Chemo zwei Mal täglich einnehmen soll.

Letzte Nacht ist die Angst wieder ums Bett geschlichen und hat nach einer Lücke gesucht, um zu mir unter die Decke zu schlüpfen. Da lag aber schon der Mut und hielt die Zuversicht im Arm und die Naivitiät hatte sich auch ein kleines Plätzchen gesichert, obwohl sie von mir so oft kritisiert wird. Der Mut nimmt sie dann meistens in Schutz und erinnert mich daran, dass es manchmal hilft naiv zu sein. Singt auch Gregor Meyle, der sich schließlich zu Stefan Raab getraut hat.

Jedenfalls blieb der Angst nichts anderes übrig als von weiter weg ihre üblichen Phrasen auf mich einzuflüstern. "Was ist wenn sich schon Krebszellen über die Lymphbahnen im Körper verteilt haben? Die kann man schließlich bei keiner Untersuchung sehen, so klein sind die. Vielleicht siedeln sich jetzt schon Knochenmetastasen in deinem Körper an. Und da willst du hier selig schlafen? Denk doch mal nach!".
Davon wurde der Mut halb aus dem Schlaf gerissen und hat sie angefahren: "Ja, kann sein, aber die kann man dann jetzt auch nicht wegdenken! Wir kriegen eine Hammer-Chemo, das härteste, was zur Zeit auf dem Markt zu haben ist. Danach wird das Drecksding weggeschnitten und dann noch bestrahlt. Wenn dann immer noch was übrig ist werden wir uns zu gegebener Zeit darum kümmern. Und jetzt lass uns schlafen, wir brauchen unsere Kraft für andere Sachen als dein Depri-Gequatsche.". Dann hat der Mut den Arm um mich gelegt und wir sind wieder eingeschlafen. Das ging noch ein paar Mal so, aber es waren jeweils nur kurze Unterbrechungen. Irgendwann hat sich die Angst in einer Ecke zusammen gerollt.

Später ist ein Sturm ums Haus gefegt, der an den Fenstern rappelte und mir in Erinnerung gerufen hat, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, über die man sich Gedanken machen kann. Zum Beispiel, ob die Pfannen vom Dach geweht werden und ob das jetzt auch der Klimawandel ist und ob es früher auch schon so starke Stürme gab. Und darüber bin ich dann wieder eingeschlafen.

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Dienstag, 13. Januar 2015
Die guten Tage
Wenn man jetzt mal genau durchrechnen würde käme man sicher zu dem Ergebnis, dass es mehr gute als schlechte Tage gibt. Nur leider nehmen wir die guten Tage immer als selbstverständlich hin und sind der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei ihnen um den Normalzustand handelt. Und die dunklen, die harten, die schweren und entbehrungsreichen Zeiten betrachten wir als unverschämte Unterbrechung der Normalität.
Das Klischee, dass eine schwere Krankheit die meisten Menschen dazu bringt das Leben richtig zu schätzen zu wissen und sich an Kleinigkeiten zu erfreuen, trifft tatsächlich zu. Irgendwo habe ich gelesen oder gehört, dass es so viele Klischees gibt, weil sie wahr sind.

Ich hatte ein gutes Wochenende. Den Samstag habe ich hauptsächlich auf dem Sofa verbracht, weil ich es so wollte und nicht, weil mich irgend etwas niedergezwungen hätte. Ich habe mir den Rest eines Films angeschaut und ein bisschen rumgegammelt. Am Sonntag waren wir mit lieben Freunden frühstücken und ich habe mal wieder unglaubliche Nahrungsmittelmengen zu mir genommen, die mich bis zum Abend gesättigt haben. Es war so ein schöner, harmonischer Tag und ich dachte: "Ja, das will ich! Das ist das Leben!"

Gestern war ich zum Gespräch im Brustzentrum Köln und habe etwas über die Möglichkeiten erfahren, die Brust wieder aufzubauen. Viele Frauen entscheiden sich in der ersten Angst dazu, die Brust komplett abnehmen und nicht wieder aufbauen zu lassen und bereuen das dann nach drei Jahren, wenn sie sich wieder gesund fühlen. Einen Brustaufbau habe ich mir auch schon vorher gewünscht, aber jetzt weiß ich welche Möglichkeiten es gibt. Warum nicht von zwei schönen, kleinen neuen Brüsten träumen?
In dem Zusammenhang fiel auch der Begriff Bestrahlung und prompt hat sich die Angst wieder in den Mittelpunkt gedrängt. Die Naivität hat mich mit ihren großen, triefenden Kulleraugen angestarrt und gesagt "Aber, aber...Aber davon hat uns bisher niemand etwas gesagt.". Ja, was dachtest du denn? Der Doc gestern hat erklärt, dass die Bestrahlung bei der Größe des Karzinoms und dem Lyphmknotenbefall auf jeden Fall notwendig sei.
Also: 1. Chemo, 2. Chemo, OP, Bestrahlung, Antihormontherapie. So sieht der Schlachtplan aus.

Aktuell läuft meine Chemo in mich rein und ich stelle mir wieder vor, wie die gut gebauten und gut ausgebildeten Soldaten des Nahkampftrupps in mich reinklettern und sofort zum Tumor rennen. Dort treffen sie auf die weiß bekittelten Vertreter meines Immunsystems. Der Soldatenchief wird vom Immun-Chef freudig begrüßt. Die Soldaten fangen direkt mit der Arbeit an und der Chief sagt, an alle Immunleute gewandt: "Hallo zusammen! Ihr kennt das ja schon von den letzten beiden Malen: wir sind stark und können euch helfen, aber leider können wir nicht vermeiden, dass es auch einige von euch treffen wird.". Der Immunchef legt seine Hand auf die muskulöse Schulter des Chiefs und sagt: "Mach´ dir darüber keine Gedanken! Wir sind froh, dass ihr da seid!".
Natürlich sind alle Beteiligten ungeheuer gutaussehend und charismatisch. Sie sind schließlich ein Teil von mir... Die Soldaten sind selbstverständlich durchtrainierter und kräftiger als die Immunleute. Dafür verfügen diese aber über eine ruhige und weise Ausstrahlung und eine dadurch bedingte starke Anziehungskraft.
Würde das Ganze verfilmt werden, wäre es wahrscheinlich ein B-Movie, aber was soll`s. Noch flutet Östrogen durch meinen Körper, also kann ich mich auch noch was dran erfreuen. Deshalb kommen in meiner Visualisierung wahrscheinlich auch nur Männer vor. Was das wohl über mich aussagt? Vielleicht wünschen wir ach so emanzipierten und selbständigen Frauen uns im tiefsten Inneren doch den männlichen, dominanten Retter.

Ich glaube, gestern Abend hat sich der Mut zu mir ins Bett gelegt und ist heute Morgen gut ausgeruht wieder mit mir aufgestanden. Leck uns am Arsch, Krebs, wir treten noch nicht ab!

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