Dienstag, 13. Januar 2015
Die guten Tage
Wenn man jetzt mal genau durchrechnen würde käme man sicher zu dem Ergebnis, dass es mehr gute als schlechte Tage gibt. Nur leider nehmen wir die guten Tage immer als selbstverständlich hin und sind der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei ihnen um den Normalzustand handelt. Und die dunklen, die harten, die schweren und entbehrungsreichen Zeiten betrachten wir als unverschämte Unterbrechung der Normalität.
Das Klischee, dass eine schwere Krankheit die meisten Menschen dazu bringt das Leben richtig zu schätzen zu wissen und sich an Kleinigkeiten zu erfreuen, trifft tatsächlich zu. Irgendwo habe ich gelesen oder gehört, dass es so viele Klischees gibt, weil sie wahr sind.

Ich hatte ein gutes Wochenende. Den Samstag habe ich hauptsächlich auf dem Sofa verbracht, weil ich es so wollte und nicht, weil mich irgend etwas niedergezwungen hätte. Ich habe mir den Rest eines Films angeschaut und ein bisschen rumgegammelt. Am Sonntag waren wir mit lieben Freunden frühstücken und ich habe mal wieder unglaubliche Nahrungsmittelmengen zu mir genommen, die mich bis zum Abend gesättigt haben. Es war so ein schöner, harmonischer Tag und ich dachte: "Ja, das will ich! Das ist das Leben!"

Gestern war ich zum Gespräch im Brustzentrum Köln und habe etwas über die Möglichkeiten erfahren, die Brust wieder aufzubauen. Viele Frauen entscheiden sich in der ersten Angst dazu, die Brust komplett abnehmen und nicht wieder aufbauen zu lassen und bereuen das dann nach drei Jahren, wenn sie sich wieder gesund fühlen. Einen Brustaufbau habe ich mir auch schon vorher gewünscht, aber jetzt weiß ich welche Möglichkeiten es gibt. Warum nicht von zwei schönen, kleinen neuen Brüsten träumen?
In dem Zusammenhang fiel auch der Begriff Bestrahlung und prompt hat sich die Angst wieder in den Mittelpunkt gedrängt. Die Naivität hat mich mit ihren großen, triefenden Kulleraugen angestarrt und gesagt "Aber, aber...Aber davon hat uns bisher niemand etwas gesagt.". Ja, was dachtest du denn? Der Doc gestern hat erklärt, dass die Bestrahlung bei der Größe des Karzinoms und dem Lyphmknotenbefall auf jeden Fall notwendig sei.
Also: 1. Chemo, 2. Chemo, OP, Bestrahlung, Antihormontherapie. So sieht der Schlachtplan aus.

Aktuell läuft meine Chemo in mich rein und ich stelle mir wieder vor, wie die gut gebauten und gut ausgebildeten Soldaten des Nahkampftrupps in mich reinklettern und sofort zum Tumor rennen. Dort treffen sie auf die weiß bekittelten Vertreter meines Immunsystems. Der Soldatenchief wird vom Immun-Chef freudig begrüßt. Die Soldaten fangen direkt mit der Arbeit an und der Chief sagt, an alle Immunleute gewandt: "Hallo zusammen! Ihr kennt das ja schon von den letzten beiden Malen: wir sind stark und können euch helfen, aber leider können wir nicht vermeiden, dass es auch einige von euch treffen wird.". Der Immunchef legt seine Hand auf die muskulöse Schulter des Chiefs und sagt: "Mach´ dir darüber keine Gedanken! Wir sind froh, dass ihr da seid!".
Natürlich sind alle Beteiligten ungeheuer gutaussehend und charismatisch. Sie sind schließlich ein Teil von mir... Die Soldaten sind selbstverständlich durchtrainierter und kräftiger als die Immunleute. Dafür verfügen diese aber über eine ruhige und weise Ausstrahlung und eine dadurch bedingte starke Anziehungskraft.
Würde das Ganze verfilmt werden, wäre es wahrscheinlich ein B-Movie, aber was soll`s. Noch flutet Östrogen durch meinen Körper, also kann ich mich auch noch was dran erfreuen. Deshalb kommen in meiner Visualisierung wahrscheinlich auch nur Männer vor. Was das wohl über mich aussagt? Vielleicht wünschen wir ach so emanzipierten und selbständigen Frauen uns im tiefsten Inneren doch den männlichen, dominanten Retter.

Ich glaube, gestern Abend hat sich der Mut zu mir ins Bett gelegt und ist heute Morgen gut ausgeruht wieder mit mir aufgestanden. Leck uns am Arsch, Krebs, wir treten noch nicht ab!

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